Sonntag, 8. April 2018

Der Fall Chico und seine Tastatur-Tierschützer

Kaum ein Hundehalter hat ihn in den letzten Tagen nicht mitbekommen. Er ging durch sämtliche Medien und Facebook-Hundegruppen.


Der Fall Chico in Hannover 

 

by Pixabay

Dienstag Abend, dem 03.04.18, werden zwei leblose Menschen in ihrer Wohnung aufgefunden. Offensichtlich kam es zu einem tragischen Zwischenfall mit Staffordshire Terrier- Mischling Chico, der Mutter und Sohn der Familie tödlich verletzt hatte.

Der Hund kam zur Verwahrung ins Tierheim Krähenwinkel und man wartete auf das Obduktionsergebnis. Denn, auch wenn bereits zu Beginn davon ausgegangen werden konnte, dass die Hundebisse todesursächlich waren, so rankten sich schnell die Gerüchte um den genauen Ablauf der Geschehnisse.

Es wird erzählt von einem angeblichen Suizid der Familie, in Folge dessen der Hund aufgrund eines Hungergefühls an den Leichen zu knabbern begonnen haben soll. Andere behaupten widerum, dass die Hundebisse sehr wohl todesursächlich waren, jedoch ein anderer (mittlerweile verschwundener Hund) dafür verantwortlich sei. Dann gäbe es da noch die Variante des natürlichen Todes- auch hier seien die Verletzungen durch Hundebisse erst post mortem (= nach dem Zeitpunkt des Todes) hinzugefügt worden. Außerdem könne man doch am Blick des Hundes erkennen, dass dieser keiner Fliege etwas zu Leide tun könne.

Man könnte meinen, der Gerüchteküche wird mit Abschluss der Obduktion endlich ein Ende gesetzt. Doch leider ist dem nicht so. Mutig werden weiterhin Behauptungen aufgestellt, Selbstüberschätzungen geäußert und natürlich unzählige Schuldzuweisungen ausgesprochen. Nur einer darf es nicht gewesen sein- Chico. Denn der ist, der mehrheitlichen Meinung nach, ein Opfer. Ganz im Vergleich zu den Familienmitgliedern.

Keine Frage, die Haltungsbedingungen des Staff-Mischlings waren Zeit seines Lebens nicht die besten. Sein 27-jähriger Halter Liridon K. war kleinwüchsig, hatte eine Lungentransplantation hinter sich und war seinem Hund körperlich nicht gewachsen. Die 52-jährige Mutter des Halters, Lezime K., war seit eines familiären Zwischenfalls mit ihrem Ex-Partner, dem Familienvater, auf einen Rollstuhl angewiesen. Chico sollte die Familie eigentlich beschützen.

Über den "Stahlzwinger" in der Wohnung, in dem Chico hauptsächlich gehalten worden sei, möchte ich mich hier bewusst nicht weiter äußern. Es ist nicht klar, ob es sich hier bloß um eine von der Presse aufgebauschte aber durchaus gewöhnliche Hundebox handelt und wieviel Zeit der Hund wirklich darin verbringen musste.
Fest steht allerdings, dass die Familie mit ihrer Verpflichtung als Hundehalter offenbar überfordert war. Der Balkon diente als "Hundeklo" und bereits 2011 war Chico den Behörden aufgefallen. Eine Begutachtung war damals nicht durchgeführt worden.
Sowohl 2014 als auch 2016 hatte der Tierschutzverein keine Vernachlässigung des Hundes feststellen können. Der Hund wurde, wie auch von den Nachbarn bestätigt wurde, mit Maulkorb gesichert ausgeführt und wurde wohl nur während der Anwesenheit von Besuchern in eine Box gesperrt.

Auch wenn es hier Missstände in der Tierhaltung gegeben haben soll- dieser Hund hat sich nicht "nur" gewehrt. Er hat nicht mal eben beschädigend zugebissen, sondern zwei Menschen umgebracht. Man weiß nicht, was genau dafür der Auslöser war und dieser "Trigger" könnte den Hund jederzeit wieder zu solch einem Verhalten bringen.

Warum nicht resozialisieren?


Überall bekommt man derzeit zu lesen, dass doch auch dieser Hund resozialisiert werden könne und man ihn doch bitte in kompetente Hände geben soll. Oder- noch besser- es kommen Anfragen derer, die den Hund selbst übernehmen würden. Denn mit viel Liebe und Streicheleinheiten würde man auch diesen Hund wieder dazu bekommen, Menschen nicht mehr anzugreifen.
Das klingt naiv- und das ist es auch.
Kein seriöser Trainer würde sich dieses Hundes annehmen- denn die zukünftigen Haltungsbedingungen wären auch gar nicht im Sinne des Hundes und ein Restrisiko bleibt auch nach erfolgreichem, jahrelangem Training. So einen Hund zur Vermittlung freizugeben wäre fahrlässig und unter Umständen sogar vorsätzliche Körperverletzung.
Wie sollte der Alltag von Chico zukünftig aussehen?
Da eine Vermittlung kaum möglich sein wird, würde der Rüde die restliche Zeit seines Lebens in einem Tierheim oder einer auf Hunde mit Auffälligkeiten ausgerichtete Einrichtung absitzen. Die Kosten wären immens- allein der Personalaufwand wäre so nicht tragbar, denn eine einzelne Person ohne Begleitung den Zwinger betreten zu lassen wäre nicht möglich.
Auch eine dauerhafte Sicherung des Hundes lässt sich nur schwer realisieren und Unfälle (Riemen des Beisskorbs oder Leine reisst) müssen verantwortbar sein.

In Privathand wäre eine Haltung dieses Hundes unmöglich.

Dazu kommt, dass das ganze Jahr über Hunde euthanasiert werden- aufgrund von weitaus weniger schlimmen Beissvorfällen. Hier wartet man jedoch oft vergebens auf den Aufschrei der Tastatur-Tierschützer.
Wäre es nicht angebracht, erst mal diesen Hunden eine Chance zu geben? Hier bestünde nämlich wirklich noch Hoffnung auf ein weitestgehend normales, artgerechtes Hundeleben.

Angenommen, den Hund würde nach einer langen Zeit der Resozialisierung eine Situation triggern und er würde in sein altes Muster zurückfallen und wieder einen Menschen schwer verletzen oder gar töten- mit was wäre das zu rechtfertigen? Man stelle sich vor, das würde ein Mitglied der eigenen Familie betreffen. Würde man dann noch immer dermaßen viel Verständnis für den Hund aufbringen können?

Hätte man dieses Verständnis und diesen Sinn für Recht und Unrecht auch, wenn beispielsweise ein Mensch zwei Hunde umbringt und es sich herausstellt, dass der Täter aufgrund seiner schwierigen Vergangenheit so gehandelt hat?
Oder würde man genauso für den Täter plädieren, wenn dieser ein fremder Hund wäre, der die eigenen zwei Hunde umgebracht hätte?
Ich denke nicht.

Was ebenfalls beachtet werden sollte- würde Chico "resozialisiert" werden und es gäbe anschließend erneut einen Beissvorfall, würde den Politikern keine andere Wahl mehr bleiben, als die Gesetze massiv zu verschärfen. Zukünftige (deutlich weniger schlimme) Beissvorfälle würden härter geahndet werden und viele Hunde bekämen keine zweite Chance mehr.

"Kein Hund wird aggressiv geboren" und "Alle bissigen Hunde wurden misshandelt"?

 

by Pixabay
Es mag für Menschen, die die Behauptung aufstellen, dass ein Hund nie aggressiv geboren wird, hart klingen. Aber das ist so nicht richtig. Oft sind es mehrere Komponenten, die zu Aggressionsverhalten führen, u.a. Genetik, Aufzucht, Haltung, Erziehung,...
Oder wie ließe es sich erklären, dass unzählige Hunde lebenslang schlechte Haltungsbedingungen ertragen müssen, die meisten davon jedoch nie auffällig werden?
Ein interessanter Fakt ist auch, dass die meisten auffälligen Hunde nicht misshandelt oder vernachlässigt wurden, sondern schlichtweg ein fehlgeleitetes Jagdverhalten zeigen oder ihnen im Umgang mit Menschen nie ihre Grenzen aufgezeigt wurden (ich denke, hierzu sind wir ein gutes Beispiel).

Fazit


Man könnte meinen, die Medien hätten mittlerweile gelernt, dass Begriffe wie "Killerhund" in einer objektiven Berichterstattung unerwünscht sind. Leider wird auch dieser Beissvorfall mit drastischen Schlagzeilen vermarktet.

Was mich jedoch noch viel mehr erschüttert, ist, wieviele die Schuld einzig und allein auf die Halter abwälzen und Chico mit viel Liebe und Leckerlis wieder "hinbekommen" wollen. In unzähligen Kommentaren wurde den Haltern ein besonders langer, schmerzhafter Tod gewünscht- denn Chico habe sich doch nur "gewehrt". Die Tatsache, dass hier zwei Menschen auf grauenhafte Weise verstorben sind, wird zur Nebensache. Und das zeugt meiner Meinung nach davon, dass sich unsere Gesellschaft in die falsche Richtung bewegt.

Tierschutz?- ja! Kein Tierleid zugunsten des Menschen?- ja!
Aber dann bitte mit etwas mehr Empathie für die Hinterbliebenen (die diesen ganzen Müll nämlich auch mitlesen könnten). Und vor allem- nicht nur hinter der Tastatur!

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