Donnerstag, 8. Februar 2018

Bitte NICHT anfassen!

Auf unseren Gassirunden passiert es uns nicht selten, dass wir Mütter mit ihren Kindern treffen, die diese gerade zum benachbarten Kindergarten bringen oder wieder nach Hause begleiten.
An sich nichts Ungewöhnliches.

Aber- warum zur Hölle setzt man seinem Kind dann bitte folgendem Risiko aus?


Folgende Situation:
Wir haben unsere Gassirunde gleich beendet, nur noch wenige Meter zur Einfahrt haben wir vor uns. Unseren Weg kreuzt eine Mutter mit ihren zwei Töchtern. Eines der Mädchen schwärmt davon, wie süss unser Hund doch aussehe, woraufhin die zweite Tochter ihren Wunsch äußert, den Hund streichen zu wollen.
Die Reaktion der Mutter lässt mich erst mal ungläubig mit den Ohren wackeln, denn sie fordert ihre Kinder völlig gedankenlos dazu auf, ihrem Wunsch Folge zu leisten und den Hund anzufassen.

Wie bitte?! Habe ich da als Hundehalter noch ein Wörtchen mitzureden oder entfällt dieses Mitspracherecht sobald der Hund so "süss" ist?

Ernsthaft- wie kann man sich als Mutter nur so auf die Gutmütigkeit eines wildfremden Hundes bzw. auf das verantwortungsbewusste Handeln des Hundehalters verlassen?

Fehler können passieren, keine Frage. Und gerade Kinder handeln oftmals schneller als man gucken kann.
Einer Erzählung meiner Mutter nach sass ich noch im Kinderwagen, als uns auf einem Spaziergang mit unserem Bobtail ein  Deutscher Schäferhund entgegen kam. Dieser wollte gerade am Kinderwagen vorbei, als ich vollkommen unerwartet meinen Arm nach ihm ausstreckte und an seinem Schwanz zog.
Was hatte ich für ein Glück, dass mir dieser Hund das nicht übel genommen hatte! Anschließend gab's Ärger von meiner Mutter, denn eigentlich hatte ich das ja gelernt- fremde Hunde hat man nicht einfach so anzufassen.
Leider ist dieses Wissen mittlerweile wohl bei vielen verloren gegangen.

Zurück zu unserem Spaziergang und dem Aufeinandertreffen auf eine Mutter und ihre zwei Töchter.
Die zwei kleinen Schwestern rennen bereits freudestrahlend auf uns zu, als ich mich mit einem lauten "Nein- nicht anfassen!" schnell zwischen sie und Joker stelle. Auf die schockierten Blicke hin erkläre ich kurz, dass Joker sich von Kindern schnell bedrängt fühlt und daraufhin dann auch zubeissen würde.
Und plötzlich begreift die Mutter, welch 5,8 kg- Bestie sie vor sich stehen hat. Blitzschnell packt sie sich ihre Kinder und nachdem mir sie mir einen bösen Blick zugeworfen hat, setzen die drei ihren Heimweg ohne auch nur eines weiteren Wortes fort.



Und wieder sehe ich sie schon kommen- die Kommentare, die mir sagen werden, dass ich meinen Hund gefälligst mit einem Beisskorb zu sichern habe, wenn ich mir schon dessen bewusst bin, dass unser Hund Kinder beissen könnte.
Nur- obliegt es wirklich in meiner Verantwortung, mit der Fahrlässigkeit anderer zu rechnen?

Auf öffentlichen, stark frequentierten Plätzen müssen in Österreich Hunde Leine und Beisskorb tragen. Das finde ich gerechtfertigt- bei starkem Gedränge oder engen Wegen kann es schnell passieren, dass der Hund sich bedroht fühlt oder ein Passant ganz beiläufig die Hand nach dem Hund ausstreckt.
Ein Beisskorb kann hier im Ernstfall Schlimmeres verhindern und ist nach einem gut aufgebauten Training auch keine Belastung für den Hund.

Für den Strassenverkehr wurde das aber z.B. so geregelt:
  1. "Die Teilnahme am Strassenverkehr erfordert ständige Vorsicht und gegenseitige Rücksichtnahme; dessen ungeachtet darf jeder Strassenbenützer vertrauen, dass andere Personen die für die Benützung der Strasse massgeblichen Rechtsvorschiften befolgen, ausser er müsste annehmen, dass es sich um Kinder, Menschen mit Sehbehinderung mit weissem Stock oder gelber Armbinde, Menschen mit offensichtlicher körperlicher Beeinträchtigung oder um Personen handelt, aus deren augenfälligem Gehabe geschlossen werden muss, dass sie unfähig sind, die Gefahren des Strassenverkehrs einzusehen oder sich dieser Einsicht gemäss zu verhalten.
  2. Der Lenker eines Fahrzeuges hat sich gegenüber Personen, gegenüber denen der Vertrauensgrundsatz gemäss Abs. 1 nicht gilt, insbesondere durch Verminderung der Fahrgeschwindigkeit und durch Bremsbereitschaft so zu verhalten, dass eine Gefährdung dieser Personen ausgeschlossen ist. 
Da es im Alltag aber keine Situation gibt, in der ich nicht vermeiden könnte, dass eine fremde Person ungefragt unseren Hund streichelt, bin ich nicht der Meinung, dass wir diesen 365 Tage im Jahr mithilfe eines Beisskorbes zu sichern haben. Denn bedrängt fühlen kann sich jeder Hund- es ist und bleibt nun mal ein Tier und ein gewisses Restrisiko gibt es immer.
Deshalb aber sämtliche im Umgang mit Kindern ungeübte Hunde nur noch mit Beisskorb auf öffentliche Wege zu lassen, wäre arg übertrieben und am Thema vorbei.
Eine einfache Frage ("Darf man diesen Hund streicheln?") sollte schon des Respektes und vor allem der Sicherheit wegen gestellt werden.

Bitte nicht falsch verstehen- ich freue mich über jedes Kind, dass beim Anblick eines Hundes so entzückt ist, dass es diesen am liebsten sofort streichen möchte. Nur leider geht das bei Joker nun mal nicht und es fällt mir auch oft nicht ganz leicht, das den erwartungsvoll leuchtenden Kinderaugen zu erklären.

Welche Begegnungen mich nämlich noch viel mehr schockieren, sind die, bei denen ihre Eltern ihre Kinder schon allein beim Anblick unseres Jokers an die Hand nehmen und die Strassenseite wechseln.
Es ist sogar schon einmal passiert, dass zwei Mädchen kreischend auf die Strasse gehüpft sind um auf die andere Strassenseite, weg von unserem Hund, zu gelangen.
Dazu muss ich erwähnen, dass sich Joker in all diesen Situationen nicht wie eine blutrünstige Bestie verhält und geradewegs auf die Kinder zugestürmt kommt- im Gegenteil! Im städtlichen Gebiet wie hier ist Joker ausnahmslos immer angeleint und  Kinder interessieren ihn nicht die Bohne- solange sie nicht laut schreiend auf ihn zugelaufen kommen oder ihn streicheln möchten. Bewusst würdigt er sie keines Blickes und zeigt damit typisches Meideverhalten, um Konflikten aus dem Weg zu gehen.

Ich kann von Kinder nicht erwarten, dass sie verstehen,welchen Rückschritt im Training das für uns bedeutet, wenn sie nun trotzdem einfach auf uns zulaufen und ungefragt die Arme nach Joker ausstrecken.
Es ist auch verständlich, dass deren Eltern nicht immer im Umgang mit Hunden erfahren sein können.
Aber ein klein wenig Hausverstand würde vielen schon dabei helfen um zu verstehen, dass sich ein Hund schnell mal bedroht fühlen kann, wenn Kinder (mit denen er sonst vielleicht nichts zutun hat) auf ihn zurasen und laut "Ach wie süß" kreischen und ihre Ärmchen, den Oberkörper vornübergebeugt, nach unten strecken.



Doch ich möchte hier keineswegs nur Kinder und deren Eltern an den Pranger stellen.
Bereits unzählige Male wurde auch von fremden, älteren Menschen versucht, Joker anzufassen- ohne vorher auch nur ein Wort mit mir zu wechseln. Auch als sich Joker schon hinter mir versteckte, waren einige der Leute wohl blind für diese offensichtliche Reaktion .
Bevor ich dann auch nur etwas erwidern konnte, bekam ich des öfteren "Ach, das passt schon, ich hatte auch immer Hunde" zu hören.
Tja. Auch in mehreren Jahrzehnten Hundehaltung können einem viele Fehler unterlaufen und von Körpersprache verstehen manche auch dann noch nicht viel.
Wo beim einen Hund nach gutem Zureden die Neugierde siegt, denkt sich der andere, dass ihm die Situation immer gruseliger wird und er da nun erst recht nicht hin möchte. Aber auch das ist zu akzeptieren!

Deshalb bitte ich darum- nicht jeder Hund muss und möchte von Fremden gestreichelt werden! Und wenn man der Verlockung schon nicht widerstehen kann oder das eigene Kind schon am quengeln ist, weil es doch so gerne diesen einen Hund mal anfassen würde- dann bitte fragt davor (!) den Hundeführer, ob das denn überhaupt möglich wäre!

Im Nachhinein wäre nämlich genau dieser der Schuldige und der Hund am Ende der Leidtragende.

Kommentare:

  1. Dieses Problem kennen wir auch. Kalle ist sehr ängstlich und möchte einfach nicht von Fremden angefasst werden. Trotzdem passiert es immer wieder, dass Leute genau das versuchen. Ich habe schon Arme festgehalten, die einfach nach dem Hund ausgestreckt wurden. Nicht so nett, aber was soll man machen...

    Liebe Grüße,
    Nora mit Mia und Kalle

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    1. Hallo Nora :-)
      Ja, das kennen wir. Aber die Warnungen im Vorhinein werden ja oft genug ignoriert ("Was? Der süße Hund kann beissen?"). Da muss man dann nun mal eingreifen..
      Am Ende wären sonst wir die Blöden, also kann ich deine Reaktion voll verstehen.

      Alles Gute und liebe Grüße,
      Natascha und Joker

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