Sonntag, 10. Dezember 2017

Wenn der eigene Hund beisst...

Nach einer langen Pause melde ich mich mit einem Beitag zurück, bei dem ich lange mit mir gehadert habe, ihn zu schreiben. Es fällt mir zugegebenermaßen sehr schwer, dies hier öffentlich zuzugeben.
Ja, Joker beisst. Kein harmloses Knabbern im Spiel, kein vorsichtiges Festhalten, nein.

Joker war schon immer alles andere als stressresistent und absolut unsicher. Sobald ihm eine Situation über den Kopf wächst, verhält er sich plötzlich wie ein völlig anderer Hund. Einer, der nach vorne geht um sich zu "verteidigen" und wahllos zuschnappt.

Wie konnte es so weit kommen?


Zugegeben- die Hauptschuld an diesem Verhalten liegt bei mir. Bereits als Welpe musste ich Joker aus gesundheitlichen Gründen bei Regen und Kälte Mäntel anziehen, habe ihn langsam an die Fellpflege herangeführt,... Das klappte im Alter von wenigen Wochen auch noch ganz gut. Nur habe ich (die eigentlich mit Hunden aufgewachsen ist und das erkennen hätte müssen) etwas ganz massiv übersehen. Bereits damals hatte Joker angezeigt, dass ihm diese Situationen Unbehagen bereiten. Ich hatte die einfachsten Signale übersehen (permanentes Schlecken, zusammen kauern,...) und anstatt einen Schritt zurück zu gehen, habe ich weiter gemacht- denn das Bürsten und die Mäntel mussten sein, da führte kein Weg dran vorbei.
Die erste Zeit liess Joker es auch noch über sich ergehen. Mit zunehmendem Alter änderte sich das aber..

Seine Gegenwehr wurde immer deutlicher. Nachdem ich sämtliche Signale seiner Körpersprache nicht gesehen hatte, begann er, das erste Mal mit den Zähnen zu fletschen. Wieder nahm ich seine Drohung nicht ernst. Anstatt sein Fell trotzdem zu kämmen und ihm trotzdem den Mantel anzuziehen, hätte ich seine deutliche Grenze respektieren und mich langsam von Schritt zu Schritt mit einem Aufbautraining wieder dort hinarbeiten müssen.
Aber aus welchen Gründen auch immer- dumm wie ich war, machte ich das nicht.

Es dauerte nicht lange und es folgte der erste Biss. An Fellpflege und Mäntel anziehen ohne Beisskorb war gar nicht mehr zu denken- und wieder dachte ich nicht daran, dass auch das ein großer Fehler sein würde. Der Beisskorb diente zwar zu meinem Schutz, schränkte aber Joker noch mehr ein und zwang ihn in die erlernte Hilflosigkeit. Er hatte mir seine Grenzen gezeigt, die ich einfach missachtet hatte. Und nun liess ich ihm gar keine andere Chance mehr, als alles zu erdulden.

Doch auch mit Beisskorb war es für uns nicht mehr möglich, Joker die Haare zu kämmen oder gar zu schneiden. Von nun an musste er zu einer Hundefriseurin, die ohne Schermaschine (nur mit Schere) und ohne Beisskorb arbeitet. Ja, richtig gelesen. Dort klappte es nämlich ohne Beisskorb! Beim ersten Zähne fletschen kam ein ermahnendes Wort und die Sache war gegessen.
Die ganze Situation- ein fremder Mensch, die Position auf dem erhöhten Tisch, dieses Rumgeschnipsel- schüchterte Joker dermaßen ein, dass er sich gar nicht mehr wirklich traute, sich dagegen zu wehren.
Und bei einem langhaarigen Hund, der sich nicht kämmen lässt, ist das regelmäßige Kürzen des Fells umso wichtiger.

Mäntel anziehen ging mittlerweile auch ganz ohne Beisskorb und Stress. Wir mussten nur darauf achten, dass diese keine Schlaufen für die Beine hatten, denn die Beine anzuheben und dort reinzufädeln hätte uns einen sicheren Biss gekostet.
Aber damit konnten wir leben, das war ein Kompromiss.

Aber nun haben wir ein neues, viel massiveres Problem. Seit einigen Tagen möchte sich Joker von mir gar nicht mehr anziehen lassen. Das wäre jetzt kein Problem, wenn er ein Winterfell hätte und nicht jeden Winter krank werden würde. Aber so bleibt uns keine andere Wahl.
Doch sobald ich Joker zu seinem "Anlein-Platz" schicke und mit Brustgeschirr und Mantel ankomme, fletscht er die Zähne und geht dann auch nach vorne.
Die Zeit, mich mit einem Aufbautraining zu dieser Situation heran zu arbeiten, habe ich zu dieser Jahreszeit nicht mehr- denn den Mantel benötigt er täglich und ich bin mir gerade nicht einmal mehr sicher, ob er sich überhaupt das Brustgeschirr von mir anziehen lassen würde.


Natürlich werden da jetzt auch Kommentare wie "Dann zeig ihm mal, wer der Boss ist!" und "Such dir einen ordentlichen Trainer und arbeite daran" kommen.
Nur wäre vieles davon hier genau der falsche Ansatz. Er weiß, wer der "Boss" ist (wenn man das in einem Mensch-Hund-Rudel so überhaupt bezeichnen darf- denn die Alphatheorie wurde wissenschaftlich widerlegt). Ich glaube auch, dass es absolut fatal wäre, mich bei einem völlig unsicheren Hund mit Dominieren aufzuspielen und ihn womöglich auch noch unterwerfen zu wollen. Das halte ich für absoluten Quatsch und ich möchte unseren Hund nicht psychisch brechen.
Abgesehen davon unterwirft sich Joker auch oft genug von sich aus und versucht damit die vermeintlich gefährliche Situation zu entschärfen. Jetzt weiß ich, dass ich spätestens hier mindestens drei Schritte (nicht im wörtlichen Sinne) zurück gehen muss, um ihn nicht weiter zu überfordern.

Ich weiß nicht, warum Joker von heute auf morgen beim Anleinen und Anziehen unvermittelt ohne eindeutiger Drohsignale nach vorne geht. Wahrscheinlich, weil ich die Signale jahrelang missachtet hab und dadurch das Vertrauen fehlt. Warum seine Reaktion aber monatelang ausblieb, Mantel anziehen in Ordnung war und jetzt plötzlich alles zu viel ist, weiß ich nicht. Ich kann mir aber denken, warum es bei meinem Freund und der Hundefriseurin so viel weniger Probleme gibt- beide gehen sehr selbstsicher und souverän an die Sache heran.
Nachdem ich vor genau einem Jahr einen sehr schmerzhaften Biss von Joker abbekommen habe, reagiere ich jetzt ebenfalls sehr unsicher und zögerlich. Das merkt ein Hund natürlich sofort. Und gerade meine Unsicherheit löst bei unserem sowieso schon sehr unsicheren Hund noch mehr Unbehagen aus- ein verzwickter Kreislauf.

Ich glaube, dass sich bei Situationen wie dem Haare kürzen nie etwas ändern wird. Es gefällt Joker einfach nicht und zuhause artete das regelmäßig in einen Kampf aus. Doch solange es bei der Hundefriseurin so gut klappt, können wir damit leben.

Um an Jokers Unsicherheit und an alltäglichen Dingen wie eben z.B. dem Anziehen zu arbeiten, möchte ich keine Hundeschule hier in der Gegend um Hilfe bitten. Hier wird noch sehr nach der "Alphatheorie" gearbeitet und ich halte diese Herangehensweise nicht für richtig- noch dazu, wo das Problem hauptsächlich ich bin und ich Joker nicht noch mehr einschüchtern möchte.
Denn ich möchte das Gegenteil erreichen- dass aus Joker ein selbstsicherer Hund wird, der sich nicht sofort bei jeder ungewohnten oder unbequemen Situation  zurückzieht und dann zur Verteidigung auch mal nach vorne geht.


"Man bekommt immer den Hund, den man braucht- nicht den, den man will".


Besser könnte eine Aussage hier gar nicht zutreffen.
Denn der wichtigste Schritt hierbei wird sein, dass ich selbst an mir arbeite, selbstsicherer werde und nicht ständig Nervosität und Unsicherheit ausstrahle. Denn für einen so hochsensiblen Hund wie Joker ist dieses Wechselbad der Gefühle seiner Halterin sicher nicht angenehm.


Bei all den Fehlern, die ich ganz offensichtlich gemacht habe- eine interessante Begegung von gestern bringt mich erst recht zum Nachdenken. Beim Spaziergang traf ich auf eine andere Hundehalterin mit ihrem Malteser. Sie hatte mir schon mal erzählt, dass sie diesen von der selben fragwürdigen Züchterin hatte, von dem wir auch Joker haben.
Ganz überrascht hatte sie mich gefragt, ob sich unser Hund denn anziehen lasse. Ich habe ihr daraufhin kurz unsere Problematik geschildert und erzählt, dass mein Freund ihn zuvor anziehen musste- ich hätte mich Joker nicht mehr nähern können.
Die Hundehalterin erzählte mir nun erstaunt, dass das auch bei ihrem Malteser so ablaufen würde. Bei ihrer Schwiegertochter würde es noch ein klein wenig besser gehen, jedoch würde sich auch ihr Hund sofort aggressiv verhalten aufgrund seiner Unsicherheit.

Diese Begegnung war deshalb so interessant für mich, da ich vor ein paar Monaten schon mal eine Hundehalterin eines Maltesers traf, den sie von der selben Zücherin hatte. Auch dieser zeigte extreme Unsicherheit und hatte schwere Magen-/Darm-Probleme.

Ich möchte mich damit nicht rausreden, denn dass ich große Fehler gemacht habe, bleibt unbestritten. Jedoch gibt es mir schon zu denken, dass offensichtlich alle oder zumindest sehr viele Hunde mit dieser Herkunft generell schnell verunsichert und sehr sensibel sind.

Ich bitte euch darum, Kommentare wie "Ihr müsst euch mal gegen den Hund zur Wehr setzen" oder "Der Hund dominiert euch" zu unterlassen. Das ist Blödsinn und entsprechende Maßnahmen würde unser Problem nur noch verschlimmern.

In Zukunft werde ich vor allem an meiner Unsicherheit arbeiten und versuchen, meine Bindung zu Joker mit vertrauensbildenden Maßnahmen zu stärken.

Kommentare:

  1. Das klingt nach einer ziemlich verzwickten Situation. Odin kann auch recht unsicher sein. Allerdings nicht zu Hause, sondern draußen. Gegenden die er kennt sind weniger problematisch. Aber er reagiert sehr sensibel auf Reize, was sicher daran liegt, dass er die ersten Wochen sehr reizarm aufgewachsen ist. Das konnten wir auch nicht mehr nachholen. Und ich hab damals auch gebraucht bis ich kapiert habe, dass er sich aus Unsicherheit so verhält, da er in solchen Situationen schon immer nach vorne gegangen ist. Ich war so blöd und hab gedacht er wär so dominant. Uns hat es geholfen an der Bindung zu arbeiten, da er sich jetzt mehr an mir orientiert, wenn er verunsichert ist bzw. er sich leichter von mir ablenken lässt. Aber wenn wir wo hingehen, wo viel los ist, ist das noch immer nur mit Halti möglich, da er sich richtig ins Halsband hängt, wenn er Stress hat.
    Ein Ansatz wär sicher an der Bindung zu arbeiten. Mit etwas das euch beiden gefällt. Regelmäßiges tricksen und natürlich kuscheln wirkt bei uns super. Klickerst du? Wenn Joker zurzeit nicht ohne Mantel raus kann, könntest du es ja mit etwas anderem ähnlichem langsam aufbauen. ZB indem du einen Ring auf den Boden legst und er einfach rein steigen soll. Wenn das gut klappt kannst du ja den Ring leicht anheben. Oder du hältst ihn in der Hand und lässt Joker den Kopf durchstecken. Das ganze natürlich mit viel Lob und extra guten Leckerlis ;)
    Ich glaub die Autorin von Bothshunde befasst sich viel mit unsicheren Hunden. Vielleicht kann sie dir Tipps geben.
    Liebe Grüße und hoffentlich bessert sich die Situation,
    Julia und Odin

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    1. Hallo Julia,
      danke du für deine Tipps ❤
      Wir haben mal angefangen zu klickern, aber so richtig konditioniert ist es leider nicht- das wäre jetzt bestimmt hilfreich 😔
      Aber wir versuchen jetzt, den Mantel mithilfe von Leckerlis attraktiver zu machen- und beim kleinsten Anzeichen von Unwohlsein gehts wieder einen Schritt zurück. Bis das sitzt, muss mein Freund Joker anziehen..

      Vielen lieben Dank und ganz schöne Feiertage wünsche ich euch,
      liebe Grüße,
      Natascha und Joker

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  2. Hallöchen, auch wir haben unsere ganz eigenen Macken und haben leider auch die Erfahrung machen müssen, dass die Hundeschulen unserer Umgebung sehr stark über Dominanz vermitteln wollen und uns das nur leider gar nicht zusagt.

    wir wünschen euch noch einen schönen Abend und wünschen euch alles Gute,
    Claudia und Nala

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    1. Hallo Claudia,
      vielen Dank ❤
      Ja, das ist leider ein großes Problem. Auf gar keinen Fall möchte ich einen Trainer, der Joker noch mehr einschüchtert und uns mehr Probleme bringt, als wir eh schon haben. Außerdem möchte ich Jokers Vertrauen aufbauen, und nicht zerstören und ihn "brechen".
      Aber wir versuchen jetzt erst einmal, das selbst in den Griff zu bekommen 😊

      Wir wünschen euch auch alles Gute und ganz schöne Feiertage!
      Liebe Grüße,
      Natascha und Joker

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  3. Wow! Erst mal mein Respekt zu diesem Bericht. Du bist bereits auf dem richtigen Weg, denn du hast deine Fehler erkannt und stehst dazu. Nun heißt es, das Vertrauen von Joker zurück zu gewinnen und das Bürsten, Anziehen usw. positiv zu belegen. Höchstwahrscheinlich ist das ein langer Weg, aber es ist möglich. Kennst du die Arbeit mit Clicker oder Markerwort? Ich habe damit sehr gute Erfahrungen gemacht und kann es gerade bei Verhaltensproblemen sehr empfehlen. Ich wünsche viel Erfolg.
    LG Bettina mit Rica und Bobby

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    1. Hallo Bettina,

      vielen lieben Dank für deinen lieben Kommentar! Es ist schön, wenn man von jemandem Bestätigung erfährt, denn ich war mir oft genug unsicher, ob ich auf dem richtigen Weg bin. Danke dafür ❤

      Wir haben mal angefangen zu clickern, aber ziemlich bald wieder aufgehört und es dadurch nicht richtig konditioniert. Das wäre jetzt sicher hilfreich!
      Aber ich möchte es unbedingt nochmal anfangen.
      Ich stelle mir das durchaus wichtig vor für z.B. Medical Training, das mich ja brennend interessieren würde.

      Vielen Dank für deine Tipps!
      Ich wünsche dir ganz schöne Feiertage,
      liebe Grüße,
      Natascha und Joker

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  4. Vielleicht sind es auch nur Kleinigkeiten. Ignorierte Beschwichtigungssignale z.B. Schmatzen, Gähnen, Kopf abwenden. Wenn man das als Mensch dauerhaft ignoriert muss der Hund einen Schritt weiter gehen. Ich habe einen mittelgroßen Hund und stelle diese Beschwichtigungssignale bei ihm immer wieder fest, aber vor allem beim Geschirr anziehen. Seit ich auf diese Signale achte und darauf mich nicht über meinen Hund zu beugen sondern mich klein zu machen und das Geschirr seitlich und ohne Blickkontakt zu seinen Augen anzuziehen, ist mein Angsthund dabei wesentlich entspannter.
    LG Petra mit Charly

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    1. Hallo Petra,

      ja ich habe in der Vergangenheit einiges falsch gemacht und gerade diese Beschwichtigungssignale, als Joker ein Welpe war, völlig ignoriert 😔- denn Anleinen, Bürsten & Co musste ja sein. Aber ich habe leider nicht daran gedacht, dass ich es positiv konditionieren hätte müssen und das war ein großer Fehler. Trotz seiner Unsicherheit habe ich einfach damit weiter gemacht.
      Als Welpe hat sich Joker das noch, wenn auch widerwillig, gefallen lassen, aber schon bald hat er (genau wie du es beschreibst) angefangen, Gegenwehr zu zeigen. Was nur allzu verständlich ist!

      Ich achte nun auch mehr und frühzeitiger auf diese Signale und versuche, das Anziehen und z.B. Fell absuchen positiv zu belegen. Es wird noch lange dauern, bis wir das alles stressfrei hinbekommen, aber ich möchte unbedingt Jokers Vertrauen wieder gewinnen.

      Vielen lieben Dank für deine Tipps ❤

      Ich wünsche dir ganz schöne Feiertage!
      Liebe Grüße,
      Natascha und Joker

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